eConomy by Jurg published for Mediaplanet

eMail, eBooks, eBanking, eGovernment, eTicket, eCommerce, eBusiness, eHealth, eZurich, iMac, iPhone, iPad, iLife, … die Vorsilben „e“ und „i“ haben Hochkonjunktur in der postindustriellen Begriffsbildung. Sie

symbolisieren auf minimalistische Weise das Computerzeitalter und
lassen sich fast beliebig mit alltäglichen Begriffen kombinieren.
Allerdings wecken die so gebildeten Kunstwörter keineswegs
ausschliesslich positive Assoziationen, denn irgendwie
wohnt ihnen der Nimbus des Künstlichen inne, des nicht ganz Echten und
des in der realen Welt nicht wirklich Existierenden, was mit ein Grund
ist weshalb Apple’s iWatch eben nicht iWatch heisst sondern Apple
Watch und damit als Uhr und nicht als eGadget wahrgenommen (und
gekauft) werden will. Trotzdem wage ich die Prognose, dass das latente
Misstrauen allem Virtuellen gegenüber vorübergehend ist und
schliesslich verschwinden wird, denn Virtualisierung ist ein Megatrend
des digitalen Informationszeitalters dem man sich nicht verschliessen
kann. Man denke an Photoshop, Computerspiele, fotorealistische
Animationen, digitales Geld a la Bitcoin oder auch an
simulationsbasierte Forschung in der Aerodynamik, Meteorologie,
Kosmologie, Biologie (“in silicio” ersetzt “in vitro”) und in vielen
anderen Gebieten.
Obwohl Liebhaber schwören, dass „echte“, d. h. materielle Bücher nicht
durch eBooks zu ersetzen sind, weisen letztere exakt den gleichen
Informationsgehalt auf, sind gewichtslos und dank moderner
Bildschirmtechnik mindestens ebenso bequem lesbar. A propos
Informationsgehalt: Nicht umsonst sagt Mark Ghetty sinngemäss
„information is the oil of the 21th century“. Nein, das eigentliche
Problem des „e“ und „i“ ist nicht die Skeptik virtuellen Konstrukten
gegenüber, sondern die tausendfach beschworene Problematik der
Interaktion zwischen Mensch und Technik. Im Endeffekt verbirgt sich
nämlich hinter jedem der „e“ und „i“ Konstrukte eine Interaktion
zwischen Mensch und Maschine, zwischen virtueller und realer Welt, und
in diesem Bereich hat der Stand der Kunst mit der allgemeinen
technischen Entwicklung bei weitem nicht Schritt gehalten. Man denke
etwa an die mühsamen und schwerfälligen Benutzerschnittstellen der
Ticketautomaten oder an die
elektronischen Formulare, welche stets ausgerechnet diejenige
Information verlangen, die man (im Moment) nicht geben kann oder will
und umgekehrt die Annahme derjenigen Information verweigern, die man
gerne geben würde. Benutzerschnittstellen dieser Art sind
Prokrustes’sche Betten, um eine Metapher aus der griechischen
Mythologie neu aufleben zu lassen: Benutzer müssen sich strecken,
verbiegen und quälen um sich der Maschine anzupassen statt umgekehrt.
Tatsächlich läuft die Benutzung von e-Diensten wie eTicketing,
eChecking, eGovernment etc. häufig darauf hinaus, dass man sich des
von früher gewohnten, gesunden Menschenverstandes des (menschlichen)
Personals beraubt sieht und anstelle dessen eine zwar äusserst
zuverlässig aber hirnlos arbeitende Maschine mit
Nulltoleranz vorfindet, wahrlich kein guter Tausch. Dennoch wünscht
sich kaum jemand den Zustand vor der e-Revolution zurück. Allzu
überzeugend sind die grundsätzlichen Vorteile beispielsweise beim
eShopping punkto Bequemlichkeit, Öffnungszeiten, Vollständigkeit des
Angebotes und logistische Abläufe. Trotzdem ist das Potenzial noch
längst nicht ausgereizt. Was fehlt um die e-Welt zur vollen Blüte zu
bringen sind flankierende Massnahmen in der realen Welt. Es bräuchte
zum Beispiel ein grundlegend neues, drohnenbasiertes System
integrierter Zustelldienste, welche die bestellten Waren
vollautomatisiert in dafür vorgesehene und mit Infrastruktur (z. B.
Ladestationen) ausgerüstete Containerfarmen
liefern. Allgemein wäre die Schaffung nahtloser Übergänge zwischen realer und
virtueller Welt wäre ein lohnenswertes strategisches Ziel für die
eBranche. Die höchste Stufe dieser Evolution wurde bereits in den
Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts von Mark Weiser, dem
visionären und inzwischen verstorbenen Pionier des „wearable
computing“ prognostiziert: „the most profund technologies are those
that disappear”. Gemeint ist die Unsichtbarmachung der Technik durch
vollständige Integration in das tägliche Leben.

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